{"id":1,"date":"2011-05-18T20:23:39","date_gmt":"2011-05-18T20:23:39","guid":{"rendered":"http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/?p=1"},"modified":"2011-06-02T11:17:43","modified_gmt":"2011-06-02T11:17:43","slug":"hallo-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/?p=1","title":{"rendered":"Mein teuerstes Werk"},"content":{"rendered":"<p>Es war die letzte Arbeit meiner Schulzeit, sowie die gr\u00f6\u00dfte und teuerste meines k\u00fcnstlerischen Schaffens bis dato. Deshalb m\u00f6chte ich von jener Arbeit berichten.<\/p>\n<p>Das postmoderne, brutalistische Betonkonstrukt, welches meine Schule beherbergte, besa\u00df einen kleinen Durchgangsraum am Eingang. Links Beton, rechts Beton, vorne und hinten Glast\u00fcren. Nichts drin, au\u00dfer etwas Ausstellungsfl\u00e4che an der Betonwand. Der Boden rot gefliest und an sonnigen Tagen von Sonnenschein erhellt. So betraute man uns wahrhaftige K\u00fcnstler mit dem Auftrag jene leere Fl\u00e4che zu f\u00fcllen und unser kreatives Genie mit der schulischen \u00d6ffentlichkeit zu teilen.<\/p>\n<p>Zusammen mit dem Kollegen Philip Ersch widmete ich mich also jener Aufgabe. Unser Ziel war es etwas Einmaliges, etwas Kolossales zu hinterlassen. Eine monumentale Plastik, ein gro\u00dfartiges und endg\u00fcltiges Kunstwerk. Keinen dekorativen, naiven Schwachsinn, wie man es vielleicht von uns erwartete. Es sollte etwas Gro\u00dfes geschaffen werden und uns nicht nur den Respekt der Schule, sondern der gegenw\u00e4rtigen und den der nachfolgenden Generationen, ja der gesamten Menschheit einbringen.<\/p>\n<p>Unser Ziel war formuliert und so machten wir uns an die Arbeit.<\/p>\n<p>Unsere Ausstellungsfl\u00e4che wurde leider unsch\u00f6n von einem circa 1 Meter hohen Heizk\u00f6rper besetzt von welchem ein Rohr senkrecht zur Decke verlief. Dieser Eingangsbeheizer zerteilte unsere Wand in einem 1 : 2 Verh\u00e4ltnis, woraufhin wir uns zu einem asymmetrischen Triptychon gezwungen sahen. So bespannten wir zwei gro\u00dfe Keilrahmen, circa 1,4x 2,2 Meter und einen dritten kleineren quadratisch mit Seitenl\u00e4nge 1 Meter. Das verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleine Quadrat f\u00fcllte die Ecke, welche Heizk\u00f6rper und Rohr auf der rechten Seite einspannten und die beiden gro\u00dfen Leinw\u00e4nde die restliche Wand. Der Heizk\u00f6rper wurde so zu einem Teil der Installation und f\u00fcgte sich harmonisch in die Gesamtkomposition.<\/p>\n<p>Wir \u00fcberschrieben unser Projekt mit dem Arbeitstitel \u201eEtagenmalerei\u201c und sahen uns mit unserer expressionistischen Konzeption schon in die Fu\u00dfstapfen ber\u00fchmter Maler, wie Jackson Pollock oder Niki de Saint Phalle treten, denn keiner von uns sollte einen Pinsel in die Hand nehmen. Aus gro\u00dfen Eimern wollten wir die Farbe auf die Leinwand gie\u00dfen und das von einer m\u00f6glichst hohen Stockwerk aus, wobei die Physik das \u00dcbrige tun sollte und unser Werk vollenden w\u00fcrde. Dabei f\u00fchlten wir uns brutal modern.<\/p>\n<p>An einem sch\u00f6nen Sommertag fanden wir uns also Nachmittags in der weitgehend menschenleeren Schule ein und begannen mit der eigentlichen Malerei. Da wir als leider noch unentdeckte Virtuosen, damit rechnen mussten f\u00fcr eventuell verbleibende Verschmutzung durch unsere Acrylfarbe bzw. unser preiswerteres \u00c4quivalent zur Verantwortung gezogen zu werden, entschieden wir uns f\u00fcr eine Feuerschutztreppe zum Schuldach auf der H\u00f6he des 1.Stocks. Gerne w\u00e4ren wir h\u00f6her hinauf gestiegen, aber wir mussten uns des Gegebenheiten f\u00fcgen. Nachdem wir eine Plane auf der Wiese des Sportplatzes verlegt und unsere Leinw\u00e4nde darauf positioniert hatten, stiegen wir die Stufen hoch und begannen den Farbeimer zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Es war ein ehrf\u00fcrchtiger Moment, als ich diese gro\u00dfen wei\u00dfen Leinw\u00e4nde da unten liegen sah, den Eimer hob und mit einem Schwall schwarzer Farbe die Bildfl\u00e4che f\u00fcllte. Die Farbe flog aus dem Eimer, stand einen kleinen Moment in der Luft und klatschte dann mit der ganzen Kraft ihrer Masse auf die Malfl\u00e4che. Von einem \u00e4sthetischen Gesichtspunkt betrachtet, waren die Bilder zu diesem Zeitpunkt am besten. Ein einziger schwarzer Spritzer, welcher sich diagonal \u00fcber alle drei Leinw\u00e4nde zog, ein knackiger Kontrast, klare Konturen und wahnsinnig dynamisch, eben aufgrund der H\u00f6henmeter. Doch unser Ansatz war kein \u00e4sthetischer und wir hatten beinahe 6 Liter Farbe mit auf das Dach genommen.<br \/>\nKurze Rechnung: Bei grob 6 Litern Farbe, mit dem Wasser zur Verd\u00fcnnung sagen wir 10 Liter und einer H\u00f6he von ungef\u00e4hr 3,5 Metern, haben wir zus\u00e4tzlich (im Vergleich zum total langweiligen Ateliermaler) 343,35 Joule an H\u00f6henenergie auf die Leinwand geballert. Energetisch gesehen war unser Kunstprojekt also schon einmal auf hohem Niveau anzusiedeln.<\/p>\n<p>So sch\u00fctteten wir also Eimer f\u00fcr Eimer vom Dach, bis Farbe und Lust an der Malerei ersch\u00f6pft waren. Unser \u00dcbermut, sowie der kindliche Spa\u00df am Farbeimer versch\u00fctten, hatten leider dazu gef\u00fchrt, dass sich auf einer Leinwand ein See gebildet hatte und die Farbe zu verlaufen begann. Dazu h\u00e4tte man wahrlich nicht auf ein Dach steigen m\u00fcssen. Aber nichts desto trotz: Es war vollbracht. Von tiefer Kontemplation innerlich erf\u00fcllt blickten wir auf das vollbrachte hinab. Die Sonne senkte sich bereits und f\u00e4rbte den Himmel in malerische Rott\u00f6ne. In diesem Moment betitelte ich das Werk mit dem wundersch\u00f6nen Namen:<\/p>\n<p>Odyssee in rot<\/p>\n<p>Eigentlich entstand der Name erst sp\u00e4ter, n\u00e4mlich als ich zuhause am Computer das kleine Schild entwarf, welches sp\u00e4ter neben dem Werke h\u00e4ngend, selbiges erl\u00e4utern sollte. Der Titel war bezeichnend, da wir alle Farben auf die Leinw\u00e4nde gekippt hatten, eben bis auf rot. Somit zeigten die Bildnisse ein matschiges Geflecht, welches prim\u00e4r mit den Farben gelb und blau zu einer starken grau-gr\u00fcn Dominanz f\u00fchrte. Das Fehlen der Farbe Rot auf den Leinw\u00e4nden sollte im Gesamtwerk, also der sp\u00e4teren Installation durch den Titel behoben werden. Leider wurde dieser eigentlich banale Zusammenhang kaum erkannt.<br \/>\nDer Direktor sollte sp\u00e4ter witziger Weise sogar \u00fcber eine chiffrierte politische Botschaft, namentlich einen kommunistischen Bezug spekulieren. Er schien sichtlich beruhigt, als ich ihm versicherte es sei kein politisch motiviertes und auch kein kommunistisches Werk. Ich f\u00fchlte mich ausnahmsweise zu unrecht politisiert.<\/p>\n<p>Nachdem die Bilder in der Turnhalle getrocknet waren (eine kleinere R\u00e4umlichkeit h\u00e4tte ihrer k\u00fcnstlerischen Gr\u00f6\u00dfe nicht gen\u00fcgt) begannen wir sie aufzuh\u00e4ngen. Die fertige Installation bestand nun also aus dem abstrakten Triptychon, durchbrochen von dem Heizk\u00f6rper, dem im gleichen Farbton bemalten Eimer mit h\u00f6lzernem R\u00fchrstock und dem kleinen Schild mit erl\u00e4uterndem Text. Damit war das Werk vollst\u00e4ndig und unsere Arbeit vollbracht. Leider erst eine Woche nach Notenschluss, daher gab es keine Punkte daf\u00fcr. (Dieser Umstand hat allerdings keinen Einfluss auf die Arbeit.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem kleinen erl\u00e4uternden Schild war zu lesen:<br \/>\n<em> <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eOdyssee in rot\u201c<\/em><br \/>\n<em> von Philip Ersch, Benedikt Sommer<\/em><br \/>\n<em> Dispersionsfarbe auf Plastikeimer, Holz,<\/em><br \/>\n<em> Leinwand; Installation;<\/em><br \/>\n<em> 2,23&#215;1,45 m, 2,23&#215;1,44 m, 1,04&#215;1, 04 m,<\/em><br \/>\n<em> Kaufpreis: 257 000 Euro<\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Die Reaktion waren grandios und wir badeten in Ruhm und Ehre. Meine Religionslehrerin sagte es w\u00e4ren \u201ewundersch\u00f6ne Bilder\u201c, aber mit ihrem bescheidenen Lehrergehalt w\u00e4ren sie nicht zu finanzieren. Dieser traurige Umstand musste wohl auf s\u00e4mtliche Besucher der Schule zutreffen, da ein K\u00e4ufer auf sich warten lie\u00df. Nun ja, der Preis war nicht verhandelbar. Ich hatte mich bei der Berechnung des Preises streng an die g\u00e4ngige Faustregel \u201eL\u00e4nge mal Breite mal sozio-kultureller Bedeutung\u201c gehalten und gerade als junger K\u00fcnstler darf man sich nicht unter Wert verkaufen. Man kennt die Geschichten von begabten K\u00fcnstlern, welche von den r\u00fccksichtslosen Kunstmarktkapitalisten ausgebeutet und betrogen werden. Jene Finanzhaie t\u00e4tigen Investitionen, h\u00e4ufen ihren Reichtum und der K\u00fcnstler bleibt arm, wenn auch nur zu seinem Besten. Man wei\u00df schlie\u00dflich, dass K\u00fcnstler nicht mit Geld umgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein kleiner Rat an eventuelle Leser, welche selbst einmal \u201eKunst\u201c oder was sie gerade daf\u00fcr halten in der \u00d6ffentlichkeit ausstellen m\u00f6chten: Versehen Sie ihr Werk mit einem Preis! Je h\u00f6her desto besser. Versetzen Sie sich einmal in den gemeinen, vollkommen ahnungslosen Kunstrezipienten: F\u00fcr diesen bekommt ihre Arbeit erst mit einem zugeordneten Geldbetrag eine greifbare Dimension, einen praktisch am eigenen Verm\u00f6gen zu ermessenden Wert. Was Sie abbilden ist dabei unerheblich und ob er ihr Werk kaufen wird ist wiederum eine vollkommen andere Frage. Kostet ihre Arbeit soviel, dass er sie sich nicht leisten kann, so wird er sich klein und hilflos vor ihr verneigen. Es handelt sich hierbei eigentlich um v\u00f6llig Kunst ferne Gesetzte der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Wenn jetzt aber ein Reicher zuf\u00e4llig mitbekommt, wie ganz viele Arme sich das Bild nicht leisten k\u00f6nnen, dann stehen die Chancen gut, dass er sich und andere von seiner verm\u00f6genden Stellung \u00fcberzeugen muss und Ihnen das Werk abkauft. Gl\u00fcckwunsch!<\/p>\n<p>Wie erw\u00e4hnt wartete \u201eOdyssee in rot\u201c vergeblich auf einen K\u00e4ufer. Die Leute fanden den Preis zwar hoch, jedoch wohl gerechtfertigt, schienen aber die Kohle nicht zu besitzen. Damit stellte sich uns K\u00fcnstlern ein ernsthaftes Problem, da wir unsere letzten Tage an der Schule verbrachten und die Bilder zu gro\u00df waren, um sie in einem normalen PKW zu transportieren.<\/p>\n<p>Wie wir nun so sannen, was zu tun war, da kam folgende Idee auf: Schenkt die Bilder der Schule. Die Idee war tats\u00e4chlich nicht so edel, wie man im ersten Moment vermuten m\u00f6chte, eben wie es meistens ist, wenn jemand etwas verschenkt. Die Idee war die Werke der Schule zu spenden, wobei auf das korrekte Ausstellen einer Spendenquittung zu achten w\u00e4re, welche dann wiederum steuerlich geltend gemacht werden k\u00f6nne. Steuerlich absetzbar war, so versprach man uns 10 Prozent, was bei einem Preis von 257 000 Euro ja immer noch ein feines Taschengeld f\u00fcr einen frischgebackenen Abiturienten w\u00e4re. Man brauchte nur noch jemand, der auch soviel Steuern bezahlen muss, dann das Bild jenem schenken, dieser schenkt es der Schule, holt sich die Steuer wieder und am Ende h\u00e4tte man Bargeld. Ein d\u00e4mlicher, rechtlich und vor allem moralisch extrem fragw\u00fcrdiger Plan und somit belie\u00dfen wir es bei jenen theoretischen \u00dcberlegungen.<\/p>\n<p>Am Ende bekamen wir unsere Zeugnisse und verlie\u00dfen die Schule. Die Bilder blieben einfach in der Eingangshalle h\u00e4ngen. Einfach so, ohne Umst\u00e4nde, ohne Geld.<br \/>\nAn diesem Punkt k\u00f6nnte die Geschichte ein gutes Ende finden. Ich war zufrieden, denn ich wusste die Bilder gut aufgehoben in der Eingangshalle und hatte das gute Gef\u00fchl auch nachfolgende Generationen mit meiner Kunst zu begl\u00fccken. Es kam allerdings anders.<br \/>\nWie man aus Kriminalserien wei\u00df, darf ein Verbrecher nie zum Ort des Verbrechens zur\u00fcck kehren, tut es aber trotzdem und wird dann erwischt. Bei ehemaligen Sch\u00fclern ist das \u00e4hnlich, nur weniger folgenschwer. Eigentlich ist es nur traurig, weil man merkt dass das was man sucht, hier nicht mehr zu finden ist. Ich dachte ich w\u00fcsste das bereits, da ich es ja bei anderen Ehemaligen beobachtet hatte, wenn sie grundlos kamen, weil sie nichts mit sich anzufangen wussten.<\/p>\n<p>Ich war leider gezwungen Monate sp\u00e4ter noch einmal zur Schule zur\u00fcck zu kehren, um einen Kreidekasten und ein paar Zeichenbl\u00f6cke aus dem Kunstraum zu holen, welche ich unachtsamer Weise dort zur\u00fcck gelassen hatte. Es war gerade Unterricht und wie ich es kannte war das Gel\u00e4nde scheinbar ausgestorben, obwohl knapp Tausend Sch\u00fcler gerade eifrig lernten.<\/p>\n<p>Ich betrat die Eingangshalle und betrachtete das Bildnis, welches vor mir an der Wand hing. Der Beton war der gleiche, sowie die Bodenfliesen und der Heizk\u00f6rper. Aber was musste ich vor mir an der Wand h\u00e4ngen sehen? Eine schematische Tafel zur Erl\u00e4uterung der Funktionsweise einer M\u00fcllverbrennungsanlage. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich hatte die Botschaft verstanden. Angewidert und zutiefst verletzt holte ich meinen Kreidekasten und verlie\u00df das Schulgel\u00e4nde, um nie mehr wiederzukehren.<\/p>\n<p>Benedikt Sommer<br \/>\n(M\u00fcnchen, 2008)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-54\" title=\"1146741410_f\" src=\"http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/1146741410_f.jpg\" alt=\"\" width=\"375\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/1146741410_f.jpg 375w, http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/1146741410_f-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-55\" title=\"1146843734_f\" src=\"http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/1146843734_f.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/1146843734_f.jpg 500w, http:\/\/cazai.de\/CAZZ422\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/1146843734_f-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war die letzte Arbeit meiner Schulzeit, sowie die gr\u00f6\u00dfte und teuerste meines k\u00fcnstlerischen Schaffens bis dato. 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